Dieser Beitrag richtet sich an alle ach so klugen Sport-Moderatoren im ZDF (Kerner, Rethy), die gestern den ganzen Abend lang von "der Niederlande" [sic!] sprachen.
Meine Güte, sollte ihnen tatsächlich noch niemand gesagt haben, daß "die Niederlande" ein Plural ist?! (Genauer gesagt: ein Pluraletantum, d. h. ein Substantiv, das ausschließlich im Plural belegt ist!) Und daß demnach im Nominativ der Anschluß mit einem Verb im Plural erfolgen muß (z. B.: Die Niederlande haben das Spiel verloren.)?!
Also, für alle Zukurzgekommenen, die auch noch immer von "der USA" [sic!] reden, obwohl es sich bei den USA ebenfalls um einen Plural handelt (nämlich die United States of America = die Vereinigten Staaten von Amerika):
Das Neutrum "Land" hat zwei Pluralformen: "die Lande" und "die Länder". "Länder" wird als unmarkierter Plural gebraucht, während die Verwendung von "Lande" mit dem sprachstilistischen Merkmal "gehoben" gekennzeichnet ist. Somit liegt für die beiden Pluralformen ein Gebrauchsunterschied vor, der z. T. auch als Bedeutungsdifferenzierung interpretiert wird: "die Lande" ('eine Region als Ganzes')/"die Länder" ('Einzelregionen')*.
Sprachgeschichtlich läßt sich die Doppelform des Plurals bis ins Mittelhochdeutsche zurückverfolgen: Durch die seit germanischer Zeit übliche Stammsilbenbetonung kam es zu einer Abschwächung der Nebensilben. Nun war "land/lant", wie viele andere Neutra auch, im Nominativ und Akkusativ Plural endungslos. Um eine Differenzierung zwischen Singular und Plural zu ermöglichen, gab es einen Analogie-Ausgleich, im Zuge dessen der "-er"-Plural einiger Neutra (z. B. lamb - lember > neuhochdeutsch: Lamm - Lämmer) auf alle einsilbigen Neutra übertragen wurde. Daher rührt die Pluralform "Länder".
Eine andere Möglichkeit zur Numerusdifferenzierung war die Bildung des Nom./Akk. Pl. in Analogie zu den starken Maskulina (z. B. tag/tac - tage > nhd.: Tag - Tage). Auf diese Weise entstand der Plural "Lande". In der Zeit vom 15. bis zum 17. Jh. wurden beide Analogieformen nebeneinander verwendet, danach setzte sich zumeist die Neutra-Analogie (= die Pluralform auf "-er") durch. Deshalb ist "Länder" bis heute die gebräuchlichere Pluralform von "Land".
Dennoch sollten wir es respektieren, daß sich in der Bezeichnung "Niederlande" für unseren Nachbarstaat die weniger verbreitete Form "Lande" erhalten hat, und diese auch korrekt flektieren.
Ein Beispielsatz für jeden Kasus:
Nom.: Die Niederlande spielten gegen Rußland.
Gen.: Die Niederlage der Niederlande überraschte.
Dat.: Den Niederlanden gelang gestern kaum ein Spielzug.
Akk.: Wir wollen die Niederlande bei der WM 2010 wiedersehen.
Zur Erinnerung: "Niederlande" ist IMMER Plural!
* Quelle: Duden, Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Hrsg. von der Dudenredaktion. 6., neu bearb. Auflage. Mannheim u. a.: 1998.
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Sonntag, 22. Juni 2008
Donnerstag, 6. März 2008
Wir marschieren Seit' an Seit', seid bereit!
Ist es nur so schwer, "seit" und "seid" auseinanderzuhalten?
Das sind doch zwei völlig verschiedene Wörter! Ja gut, wegen der Auslautverhärtung im Deutschen werden sie identisch ausgesprochen, das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
So gehören "seit" und "seid" unterschiedlichen Wortarten an: "seit" kann entweder als Präposition mit Dativ auftreten (z. B. in seit langem, seit seiner Geburt) oder als Konjunktion (z. B. in seit sie da ist; seit wir uns kennen). Bei "seid" dagegen handelt es sich um die 2. Ps. Plural Präsens Indikativ von "sein" (z. B. in Seid ihr schon da?) (oder den Imperativ Plural Präsens von "sein", z. B. im sozialistischen Pioniergruß Seid bereit!).
Seltsamerweise wird nach meinen Erfahrungen kaum "seit" anstelle von "seid" verwendet, wohingegen der umgekehrte Fall, die fälschliche Ersetzung von "seit" durch "seid", recht häufig vorzukommen scheint.
Woran könnte das liegen? Sollte etwa die Verbform präsenter sein als die Präposition? - Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, daß sowohl in Texten als auch in der gesprochenen Sprache die betreffende Verbform ungleich seltener Verwendung findet als die entsprechende Präposition oder Konjunktion.
(Vgl hierzu: wortschatz.uni-leipzig.de, Suchanfrage: "seid", Ergebnis: Häufigkeitsklasse 12 (d.h. der ist ca. 2^12 mal häufiger als das gesuchte Wort), Suchanfrage: "seit", Ergebnis: Häufigkeitsklasse 5 (d.h. der ist ca. 2^5 mal häufiger als das gesuchte Wort))
Offensichtlich ist die Frequenz nicht ausschlaggebend für dieses Problem. Eine näherliegende Erklärung wäre, daß Lehrer ihren Schülern so oft die Schreibung der wenig gebräuchlichen Form "seid" vor Augen führen, daß sich darob eine unlösbare Verwirrung im Schülerhirn entwickelt, die zeitlebens nicht mehr zu beheben ist. Es wäre Aufgabe einer Studie, dies zu be- bzw. widerlegen. Oder aber all meine Hypothesen sind müßig, weil die hier angeprangerten Fehlleistungen in Wirklichkeit wieder einmal nur der Gedankenlosigkeit geschuldet sind, mit der heutzutage vielerorts geschrieben wird.
Generell gilt: Vielleicht sollten wir etwas mehr lesen, anstatt nur noch fernzusehen...
Das sind doch zwei völlig verschiedene Wörter! Ja gut, wegen der Auslautverhärtung im Deutschen werden sie identisch ausgesprochen, das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
So gehören "seit" und "seid" unterschiedlichen Wortarten an: "seit" kann entweder als Präposition mit Dativ auftreten (z. B. in seit langem, seit seiner Geburt) oder als Konjunktion (z. B. in seit sie da ist; seit wir uns kennen). Bei "seid" dagegen handelt es sich um die 2. Ps. Plural Präsens Indikativ von "sein" (z. B. in Seid ihr schon da?) (oder den Imperativ Plural Präsens von "sein", z. B. im sozialistischen Pioniergruß Seid bereit!).
Seltsamerweise wird nach meinen Erfahrungen kaum "seit" anstelle von "seid" verwendet, wohingegen der umgekehrte Fall, die fälschliche Ersetzung von "seit" durch "seid", recht häufig vorzukommen scheint.
Woran könnte das liegen? Sollte etwa die Verbform präsenter sein als die Präposition? - Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, daß sowohl in Texten als auch in der gesprochenen Sprache die betreffende Verbform ungleich seltener Verwendung findet als die entsprechende Präposition oder Konjunktion.
(Vgl hierzu: wortschatz.uni-leipzig.de, Suchanfrage: "seid", Ergebnis: Häufigkeitsklasse 12 (d.h. der ist ca. 2^12 mal häufiger als das gesuchte Wort), Suchanfrage: "seit", Ergebnis: Häufigkeitsklasse 5 (d.h. der ist ca. 2^5 mal häufiger als das gesuchte Wort))
Offensichtlich ist die Frequenz nicht ausschlaggebend für dieses Problem. Eine näherliegende Erklärung wäre, daß Lehrer ihren Schülern so oft die Schreibung der wenig gebräuchlichen Form "seid" vor Augen führen, daß sich darob eine unlösbare Verwirrung im Schülerhirn entwickelt, die zeitlebens nicht mehr zu beheben ist. Es wäre Aufgabe einer Studie, dies zu be- bzw. widerlegen. Oder aber all meine Hypothesen sind müßig, weil die hier angeprangerten Fehlleistungen in Wirklichkeit wieder einmal nur der Gedankenlosigkeit geschuldet sind, mit der heutzutage vielerorts geschrieben wird.
Generell gilt: Vielleicht sollten wir etwas mehr lesen, anstatt nur noch fernzusehen...
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Mittwoch, 27. Februar 2008
Zähneknirschen, Kieferknacken
So manchem scheint die Unterscheidung zwischen den Homonymen Kiefer1 und Kiefer2 große Schwierigkeiten zu bereiten, wie folgendes Zitat beweist:
"Es war ein tiefes, herzhaftes Gähnen, das ihre Kiefern [!] knacken ließ (...)."
Zur Erklärung eine Gegenüberstellung der Wörterbucheinträge für Kiefer1 und Kiefer2 (aus: Duden, Bd. 1, Die deutsche Rechtschreibung):
1. Kie|fer, die; -, -n (ein Nadelbaum)
2. Kie|fer, der; -s, - (ein Schädelknochen)
Kiefer1 hat feminines Genus und im Plural in allen vier Kasus ein "-n" als Kasusmarker. Kiefer2 hingegen ist ein Maskulinum, das einzig im Dat. Pl. den Kasusmarker "-n" nimmt, im Nom., Gen. und Akk. Pl. jedoch endungslos bleibt.
Da das oben angeführte Zitat eindeutig auf Kiefer2 Bezug nimmt, sollte der dort verwendete Akk. Pl. demnach grammatisch korrekt "Kiefer" lauten.
Also: "Es war ein tiefes, herzhaftes Gähnen, das ihre Kiefer knacken ließ (...)."
Ein paar Beispielsätze:
Kiefer1:
Nom. Pl.: "Die Kiefern wiegten sich sanft im Sommerwind."
Gen. Pl.: "Die Stämme der Kiefern hatten alle einen ähnlichen Umfang."
Dat. Pl.: "Mit den Kiefern verschwanden auch die Buchen, Birken und Eichen."
Akk. Pl.: "Sie gingen in den Wald und betrachteten die Kiefern, die seit dem letzten Sommer ein gutes Stück gewachsen waren."
Kiefer2:
Nom. Pl.: "Seine Kiefer schmerzten."
Gen. Pl.: "Der zunehmende Verschleiß seiner Kiefer beunruhigte ihn."
Dat. Pl.: "Es wird davon abgeraten, Nüsse mit den Kiefern aufzuknacken."
Akk. Pl.: "Durch den täglichen Verzehr von Haferflocken hatte sie ihre Kiefer arg strapaziert."
Das zornige Mammut verabschiedet sich für heute zähneknirschend mit zwei hölzernen Merksätzen:
Wenn Kiefern knacken, Stämme brechen,
kann diese nicht der Orthopäde retten.
Kranke Kiefer, die dich plagen? -
Kein Grund, den Holzfäller zu fragen!
"Es war ein tiefes, herzhaftes Gähnen, das ihre Kiefern [!] knacken ließ (...)."
Zur Erklärung eine Gegenüberstellung der Wörterbucheinträge für Kiefer1 und Kiefer2 (aus: Duden, Bd. 1, Die deutsche Rechtschreibung):
1. Kie|fer, die; -, -n (ein Nadelbaum)
2. Kie|fer, der; -s, - (ein Schädelknochen)
Kiefer1 hat feminines Genus und im Plural in allen vier Kasus ein "-n" als Kasusmarker. Kiefer2 hingegen ist ein Maskulinum, das einzig im Dat. Pl. den Kasusmarker "-n" nimmt, im Nom., Gen. und Akk. Pl. jedoch endungslos bleibt.
Da das oben angeführte Zitat eindeutig auf Kiefer2 Bezug nimmt, sollte der dort verwendete Akk. Pl. demnach grammatisch korrekt "Kiefer" lauten.
Also: "Es war ein tiefes, herzhaftes Gähnen, das ihre Kiefer knacken ließ (...)."
Ein paar Beispielsätze:
Kiefer1:
Nom. Pl.: "Die Kiefern wiegten sich sanft im Sommerwind."
Gen. Pl.: "Die Stämme der Kiefern hatten alle einen ähnlichen Umfang."
Dat. Pl.: "Mit den Kiefern verschwanden auch die Buchen, Birken und Eichen."
Akk. Pl.: "Sie gingen in den Wald und betrachteten die Kiefern, die seit dem letzten Sommer ein gutes Stück gewachsen waren."
Kiefer2:
Nom. Pl.: "Seine Kiefer schmerzten."
Gen. Pl.: "Der zunehmende Verschleiß seiner Kiefer beunruhigte ihn."
Dat. Pl.: "Es wird davon abgeraten, Nüsse mit den Kiefern aufzuknacken."
Akk. Pl.: "Durch den täglichen Verzehr von Haferflocken hatte sie ihre Kiefer arg strapaziert."
Das zornige Mammut verabschiedet sich für heute zähneknirschend mit zwei hölzernen Merksätzen:
Wenn Kiefern knacken, Stämme brechen,
kann diese nicht der Orthopäde retten.
Kranke Kiefer, die dich plagen? -
Kein Grund, den Holzfäller zu fragen!
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